Grundsätze für den journalistischen Umgang mit Religionen*
Das Problem
Durch die gesellschaftliche Akzeptanz der größeren Religionen sehen sich Journalisten (zumindest die Kolleginnen und Kollegen bei Massenmedien) als Teil dieser Gesellschaft oft gezwungen, die religiösen Glaubensinhalte faktisch als wahr zu akzeptieren oder sie zumindest nicht öffentlich in Frage zu stellen. Daraus resultiert ein andauerndes Dilemma: Schöpfung, Jungfrauengeburt, die Dreeinigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist, die Auferstehung von den Toten, Sabbat-Gebote, das ewige Leben etc. sind für atheistische Journalisten (und viele eingetragen christliche Kollegen) natürlich Quatsch. Trotzdem ist es in der Regel nicht erwünscht, dies in den Publikationen auch anzusprechen. Am Ende berührt die journalistische Berichterstattung verschiedene verfassungsrechtlich verbriefte Rechte: Den Grundsatz der Gleichbehandlung (Art. 3 GG), das Recht auf freie Religionsausübung (Art. 4 GG) sowie das Recht auf freie Meinungsäußerung (Art. 5 GG). Alle Rechte müssen gewahrt werden – ein beständiger Balanceakt.
Die Lösung: Säkularismus und Distanz
Wie soll also der Journalist mit religiösen Inhalten umgehen? Unter säkularem Gesichtspunkt sind die Glaubensinhalte Privatsache der Gläubigen. Und aus dem im Grundgesetz verankerten Gebot der Gleichbehandlung folgt, dass allen Glaubensinhalten die gleiche Toleranz entgegen zu bringen ist. Es verbietet sich demnach meines Erachtens, dass Journalisten “fremde” Glaubensinhalte aus ihrer oder der in ihrer Redaktion vorherrschenden religiösen Sicht bewerten lassen. Beispiel: In einem Beitrag über ein Treffen der Zeugen Jehovas sollte kein evangelischer Pfarrer zu Wort kommen. Anders verhielte es sich, wenn gemeldet wird, dass die evangelische Kirche mit den Zeugen Jehovas zusammenarbeitet oder einen Streit austrägt.
Hier ein erster Versuch, einige Grundsätze für die Berichterstattung über religiöse Themen aufzustellen – weitere Vorschläge sind willkommen:
- Wahre Distanz, halte dich mit theologischen Bewertungen zurück!
- Berichte ausgewogen über das Ereignis, lass Kritiker zu Wort kommen!
- Vermeide religiöses Vokabular, das Glaubensinhalte als wahr hinstellt!
- Behandle religiöse Quellen kritisch, recherchiere nach!
Einfluss der Religionen auf die Presse
Religiöse Institutionen versuchen permanent, Journalisten für sich einzunehmen und betätigen sich selbst journalistisch – angefangen beim Evangelischen Pressedienst (epd) über den Jüdischen Pressedienst bis hin zu Radio Vatikan. Da diese Medien ausschließlich ihre religiösen Interessen vertreten, handelt es sich um Öffentlichkeitsarbeit und PR, nicht um freien Journalismus!
Gern werden Journalisten belohnt, wenn sie religiöse Themen in weltliche Medien lancieren. Einen entsprechenden Preis lobt jedes Jahr die John-Templeton-Foundation aus – dotiert mit 5.000 Schweizer Franken.
Wenn die freundliche Einflussnahme nicht gelingt
Funktioniert die freundliche Einflussnahme mit schönen Worten und Journalistenpreisen nicht, wird versucht, auf das Ticket der Gotteslästerung oder “Verletzung religiöser Gefühle” zu fahren. Prominentestes Beispiel sind die hysterischen Reaktionen auf die Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten. Die Reaktion der muslimischen Welt war vorhersehbar. Interessanter ist, wie christliche Würdenträger reagierten: Während aufgebrachte Muslime zum Mord an den Karikaturisten aufriefen, wurden diese nicht etwa von der Kirche in Schutz genommen. Der Vatikan bezeichnete die Karikaturen als “inakzeptable Provokation”.
* Diesen Artikel hatte ich bereits im August 2008 in meinem Blog unter www.lukrez.de veröffentlicht. Das Blog samt Inhalten ist leider einem Serverumzug zum Opfer gefallen.

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